• 24. - 26. Juni 2022
  • Gutshof Glanegg

21.06.2022

Das große Sterben der Eschen

Der Tausende Jahre lange Siegeszug der Eschen in Europa erfuhr in den 90er Jahren durch einen „blinden Passagier“ ein jähes Ende. Wie dieser Pilz nach Europa gelangte und wie es mit dem Bestand weitergehen wird. 

Früher einmal wurde sie verehrt und angebetet. Die Esche. Dorfgemeinschaften hielten wichtige Sitzungen und Gerichte unter ihrer Krone ab. Aus ihr, so der damalige Glaube, sei alles entstanden. Sie sei die Quelle. Ihre Wurzeln waren die Verbindung zur Erde, der Baumstamm der Mittler zwischen Himmel und Erde und die Krone, die Verbindung in den Himmel. Man nannte sie Yggdrasil, die Weltenesche. Sie galt damals als unsterblich und unendlich. Erst dann, so die Mythologie, wenn die Blätter der Weltesche zu welken beginnen, sei das Ende der Menschen nahe. 

Große, langsame Samen

Die Esche in Europa hat eine lange Geschichte. Während der letzten Eiszeit zog sie sich weit in den Süden des Kontinents zurück und wanderte erst vor zirka 8000 Jahren wieder in Gebiete nördlich der Alpen. Ihre relativ langsame Reisegeschwindigkeit aus dem Süden hängt mit der Größe der Samen zusammen. Sie kommen in Büscheln vor, sind leicht elliptisch und weisen in dieser Ellipse eine weitere Ellipse auf, den Samen. Die Flugeigenschaften dieses Samens sind jedoch begrenzt. Deshalb auch die langsame Rückkehr aus dem Süden.

Doch nachdem sie die Alpen erst einmal überwunden hatte, begann ihr Siegeszug. Sie breitete sich bis Schottland aus, bis nach Schweden und Dänemark und Richtung Osten weit hinein nach Russland. Sie ist genügsam und anpassungsfähig. Sie wächst gerne in tiefgründigen Böden, findet sich jedoch auch in feuchteren Gebieten in der Nähe von Gewässern und zugleich in trockenen Gebieten zurecht. In höheren Lagen wurden Eschen bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts in weiten Abständen um Bauernhöfe gepflanzt. Denn die Blätter der Bäume, dienten den Landwirten im Winter für ihre Kühe und Ziegen als wertvolle Futterpflanze. Dabei entfernte man jährlich die belaubten zwei- bis dreijährigen Triebe und lagerte sie später wie das Heu in einem Schober. Man nennt diesen Vorgang schneiteln. 

© Shutterstock
Die Samen der Esche

Begehrter Baustoff

Das Holz der Esche war vor allem bei Wagnern sehr begehrt. Sämtliche Räder von Kutschen oder Fuhrwerken wurden aus Eschenholz gefertigt. Und selbst in der heutigen Zeit kommt es noch zum Einsatz. Der Kern der meisten Skier besteht nämlich aus Eschenholz. Bis heute gibt es keinen vergleichbaren Stoff, der auch noch bei frostigen Temperaturen seine Elastizität behält, ohne spröde zu werden und zu brechen.

Die Esche gedieh prächtig in Europa. Aber dann berichtete man in den 90er Jahren, dass die Eschen in Polen plötzlich von einer seltsamen Krankheit befallen worden seien. Die Blätter wurden welk und die Triebspitzen starben ab. Mit einer Reisegeschwindigkeit von ungefähr 70 Kilometern pro Jahr, breitete sich diese Krankheit in ganz Europa aus. Im Jahr 2013 waren in Dänemark bereits 95 % der Eschen von dieser seltsamen Krankheit befallen. Allmählich wanderte das Eschentriebsterben gegen Süden und erreichte in den frühen 2000er Jahren auch Österreich.

Im Bundesland Vorarlberg setzte man in einigen Gebieten noch bis in diese Zeit hinein auf das wertvolle Eschenholz. Schon Jahre zuvor hatte man in den Feldkircher Waldgebieten nahe des Rheins damit begonnen, die noch jungen Eschen mit einer Höhe von zehn bis fünfzehn Metern auf besondere Art zu pflegen, in dem man mit langen Handsägen die unteren, dünnen Äste des Stammes entfernte, um später einmal astfreie und kostbare Baumstämme ernten zu können. Aber die Arbeit war letztlich umsonst. Denn auch die Altenstädter Wälder wurden von der Welkkrankheit der Esche heimgesucht. 95 % des Eschenbestandes fielen in den folgenden Jahren dieser Krankheit zum Opfer. 

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© Amadej Trnkoczy 
Pilzbefall bei der Esche

Ein Pilz als Täter

Aber weshalb starb die Esche auf einmal? Zuerst vermutete man, dass es sich um eine Mutation des bereits bekannten Weißen Stängelbecherchens handelte. Das Weiße Stängelbecherchen ist ein winziger Pilz, der auf den Ästen von Eschen gedeiht. Jedes Jahr schweben unzählige seiner Sporen durch die Luft, landen auf Eschenblättern, zapfen die Blätter an und verursachen ihr Welken und später das Absterben der Triebe. Hat sich der Pilz erst einmal in einem Waldbestand ausgebreitet, gibt es kein Zurück mehr. Denn eine Bekämpfung des Pilzes ist so gut wie unmöglich. Es sei denn, man entfernte jedes Jahr sämtliches Eschenlaub aus den Wäldern. Und das wäre vermutlich ein unmögliches Unterfangen. Es dauerte aber bis ins Jahr 2010, ehe man entdeckte, dass es sich beim Schädling um gar keine Mutation des heimischen Weißen Stängelbecherchens handelte …

Butterweich

Der Tod der europäischen Eschen kam von weit her und hatte einen langen Weg hinter sich. Irgendwann in den 90er Jahren erreichte er einen Hafen in Polen. Er kam per Schiff und betrat den Kontinent unbemerkt und ungesehen. Der blinde Passagier sieht dem heimischen Weißen Stängelbecherchen verblüffend ähnlich. Man erkennt die fremde Form nicht einmal unter dem Mikroskop und muss ganz genau hinschauen. Denn unterscheiden lässt sich der neue Schädling nur dadurch, indem man das Erbgut unter die Lupe nimmt.

Erst jetzt erkannte man, dass diese Variante des Weißen Stängelbecherchens aus der chinesischen Mandschurei stammte. Und erst jetzt erkannte man, dass die europäischen Eschen, gegen diese Variante keine Abwehrkräfte besaßen. Millionen von Eschen starben und sterben noch immer am Eschentriebsterben. Im Laufe der Jahre stellte sich neben dem Eschentriebsterben noch eine weitere Krankheit an der Esche ein.

Man vermutet, dass sie in direktem Zusammenhang mit der Welkkrankheit steht. Und diese Eschenkrankheit ist für uns Menschen unter Umständen lebensbedrohlich. Man nennt sie Stammfußnekrose. Dabei handelt es sich ebenfalls um eine Pilzerkrankung, die den Wurzelbereich der Eschen befällt. Man erkennt den geschädigten Baum unter anderem an schwarzen feinen Rissen, die sich bis zu einem Meter stammaufwärts erstrecken können und aus denen eine dunkle Flüssigkeit sickert. Im Stammfuß- und Wurzelbereich beginnen sich die Strukturen des Baumes allmählich aufzulösen. In fortgeschrittenem Stadium kann man den Baum sogar mit dem bloßen Zeigefinger anbohren. Das in Auflösung begriffene Holz sieht aus wie Butter und weist auch eine ähnliche Konsistenz auf. Da die Stammfußnekrose auch den Wurzelbereich befällt, kann ein Baum mit fortgeschrittenem Befallsstadium auch ohne jegliche Windeinwirkung plötzlich umfallen. Das kann einen Spaziergang durch einen Eschenwald zu einer lebensgefährlichen Angelegenheit werden lassen. Es gibt Wälder, die man wegen dieser Gefahr sogar sperren musste und erst wieder geöffnet werden konnten, nachdem man die befallenen Bäume entfernt hatte.

Keine Heilung

Dem Eschensterben werden wohl die meisten unserer heimischen Eschen zum Opfer fallen. Denn ein wirkliches Mittel gegen diese Krankheit existiert nicht - oder noch nicht. Aber trotzdem gibt es Lösungsansätze. Man versuchte zum Beispiel die Mandschureiesche in Europa zu pflanzen, da die Eschen in der Mandschurei mit diesem Schädling umgehen können und die dortigen Eschen nicht zum Absterben bringen. Aber die meisten Manschureieschen, die in Europa gepflanzt wurden, sterben leider ebenfalls. Auch gibt es Versuche, genetisch resistente Eschenarten zu züchten. Aber mit genetischen Experimenten ist das so eine Sache. Man weiß letztlich nie ganz genau, was am Ende dabei herauskommt.

Vermutlich wird ein eiserner Bestand an Eschen diese Krankheit überleben. Denn dort, wo Eschenbäume einzeln und fernab von Waldbeständen gedeihen, ist es möglich, dass sie von der Eschenwelke verschont bleiben. Und vermutlich gibt es einige resistente Eschen, die dieses große Sterben überleben werden. Sie werden vermutlich die Grundlage für die nächsten Eschengenerationen sein.

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dicht beisammen stehende Eschen sind besonders bedroht

Rückbesinnung zur Regionalität

Was viele nicht bedenken, ist der Umstand, dass das Eschentriebsterben eine direkte Folge der Globalisierung darstellt. Der österreichische Autor und Philosoph Leopold Kohr wandte sich in den 90er Jahren vehement gegen diese Entwicklung. Damals verfasste er ein Buch mit dem Titel: „Small ist beautiful“ und beschwor die Beibehaltung überschaubarer Strukturen, der Regionalität und der kurzen Transportwege. Wie weitsichtig Kohr damals dachte, beweist sich nicht nur anhand der gegenwärtigen Klimawandelkrise, die zwangsläufig auch eine Nebenerscheinung der freien Märkte und der Globalisierung darstellt. Denn die Globalisierung verursacht auch finanzielle Kollateralschäden, die in die Milliarden gehen ...            

Über den Autor: Jürgen-Thomas Ernst, geboren 1966, ausgebildeter Förster und Waldpädagoge. Zudem Schriftsteller und Verfasser zahlreicher forstrelevanter Artikel für Zeitschriften und Zeitungen. 

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eine solitäre Esche

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