Die Linde – Hoffnungsträgerin in Zeiten des Klimawandels

Die Linde, der Baum der Liebe und der Weiblichkeit wurde 2021 zum Baum des Jahres geadelt. Was man noch über sie wissen sollte.

Ein Text von Andreas Holzinger, Präsident des Vereins Waldpädagogik in Österreich 

Seit Urzeiten verehrt

Kein anderer Baum ist so sehr mit der Kulturgeschichte Mitteleuropas verbunden wie die Linde. Schon Kelten und Germanen verehrten sie als heiliges Symbol der Fruchtbarkeit und man glaubte, sie besitze auch die Kraft der Weissagungen und Heilungen. Oft genug wurde unter ihrem kühlen Blätterdach am Dorfbrunnen von Richtern – vielleicht auch betört und milde gestimmt durch ihren Blütenduft – ein „gelindes“ Urteil gefällt. Dann konnte der Delinquent sich weiter seines Lebens freuen, während bei einem Richterspruch außerhalb der Stadtmauern der sichere Tod wartete. Oft genug waren die bis zu 1.000 Jahre alten Dorflinden seit jeher stumme Zeugen der Zeitgeschichte(n).

Aus den heidnisch-germanischen Freya-Linden wurden im Zuge der Christianisierung später die „Marien-Linden“ und so - mit Bildnissen der Gottesmutter geschmückt - zu Schutzbäumen und „Waldkapellen“.

Tiefe Volksverbundenheit

Die Linde wurde stets als Baum der Rast und Besinnung in der Dorfmitte am Brunnen gepflanzt. Unter ihrem Kronendach spielten Kinder, verabredete sich die verliebte Jugend, tauschten die älteren Generationen ihre Erfahrungen aus. Hochzeiten, Versammlungen und Feste jeder Art fanden bevorzugt bei den Dorflinden statt – seit jeher also ein inniger Bezug des Menschen zum Baum der Liebe – durch die herzförmigen Blätter und den süßen Blütenduft noch ins Sinnliche gesteigert.

Baum der Musiker, Dichter und Denker

Bereits in den Minneliedern Walthers von der Vogelweide kommt die Linde zu künstlerischen Ehren – bis zur wohl berühmtesten Hommage durch den Liederfürsten Franz Schubert: „Am Brunnen vor dem Tore, da steht ein Lindenbaum“. Eher weniger romantisch ihre Rolle im Nibelungenlied, wo ein Lindenblatt am Rücken des badenden Siegfried diesem zum tödlichen Schicksal wird. Als Wiedergutmachung dieses schicksalhaften Fehltrittes der Linde für die Weltliteratur steht im Ausseerland die bald 100-jährige „Hofmannsthal-Linde“ – gepflanzt 1929 zum Gedenken an das Todesjahr des langjährigen Ausseer Sommerfrischegast Hugo von Hofmannsthal, dem Dichter des „Jedermann“.

Die Frühlingslinde © Andreas Holzinger

Hofmannsthallinde © Andreas Holzinger

Ein Laubbaum mit Heilkraft

Freistehende Solitärbäume investieren Kraft und Vitalität mehr ins Dickenwachstum und die Blütentracht – sehr zur Freude der Wildbienen, stellt doch ein blühender Mutterbaum mit bis zu 60.000 Blüten eine unerschöpfliche Bienenweide dar. Der Mensch wiederum schätzt die „lindernde“ fiebersenkende Wirkung des Lindenblütentees. Der Volksmund philosophiert über uralte Mutterbäume: Sie würden „300 Jahre kommen, 300 Jahre stehen und 300 Jahre vergehen!“

Lindenholz – begehrt und verehrt

Das leichte, elastische Lindenholz wurde seit jeher als leicht bearbeitbares Schnitzmaterial geschätzt. Aber nicht nur in der bäuerlichen Bild- oder Maskenschnitzerei oder als Grundmaterial im Modell- und Spielzeugbau, sondern bereits seit dem Spätmittelalter als begehrter Rohstoff für Statuen, Krippenfiguren, Reliefs oder Christusdarstellungen. Sogar als „lignum sacrum“ - als heiliges Holz - bekannt, fand es Eingang in viele bedeutende Sakralbauten im Alpenraum.

© Andreas Holzinger

Lindenbiographie

Winterlinde (Tilia cordata) fühlt sich im sommerwarmen Osten des Eichenmischwaldes wohl

Sommerlinde (Tilia platyphyllos) – robust, Baum des Bergmischwaldes auf sonnseitigen  Blockhalden mit Bergahorn und Buche oder in feuchtebegünstigten Laubwäldern

- Herzwurzel

- Ausschlagfähigkeit

- Verbissgehölz für Wild

- Bienenweide

- leicht abbaubare Streu – daher idealer Bodenbilder

- hohe forstliche Bedeutung